ERFAHRUNGSHORIZONTE UND VIELFALT

 

Zeitrechnung
Heisei oder Frieden überall ist die Regierungsdevise des emeritierten Tennō Akihito und bezeichnet den Zeitraum vom 8. Januar 1989 bis zum 30. April 2019. Am 30. April endet die Heisei Zeit im 31. Jahr. Mit dem 1. Mai 2019 begann das Jahr Reiwa 1. Die Regierungsdevise des neu ernannten Tennō Naruhito lautet schöne Harmonie.

 
EatPrayLove
Ruin is the road to transformation.
Julia Roberts
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Der Schüler fragte den Meister, was den Meister von ihm unterscheide. Der Zen-Meister entgegnete ihm: „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Der Schüler erwiderte: „Aber das mache ich doch auch.“ Der Zen-Meister antwortete:“Wenn Du gehst, denkst Du ans Essen und wenn Du isst, dann denkst Du ans Schlafen. Wenn Du schlafen sollst, denkst Du an alles Mögliche. Das unterscheidet uns.“
 
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Parkscheine in Wien. Auch eine Idee.
Edward de Bono, Lateral Thinking, Penguin Books 1990, Seiten 196, 197

NO und PO
Das Konzept des logischen Denkens ist die Selektion, und diese wird durch den Prozess von Akzeptanz und Ablehnung herbeigeführt. Ablehnung ist die Grundlage des logischen Denkens. Der Prozess der Ablehnung wird in das Konzept des Negativen einbezogen. Das Negativ ist ein Beurteilungsinstrument. Es ist das Mittel, mit dem man bestimmte Anordnungen von Informationen ablehnt. Das Negativ wird benutzt, um ein Urteil zu fällen und die Ablehnung anzuzeigen. Das Konzept des Negativs kristallisiert sich zu einem bestimmten Sprachwerkzeug heraus. Dieses Sprachwerkzeug besteht aus den Wörtern nein und nicht. Sobald man die Funktion und den Gebrauch dieser Wörter gelernt hat, hat man gelernt, logisches Denken anzuwenden. Das gesamte Konzept des logischen Denkens konzentriert sich auf die Verwendung dieses Sprachwerkzeugs. Man könnte sagen, dass die Logik das Beherrschen von NEIN ist.

Das Konzept des lateralen Denkens ist die Umstrukturierung der Einsicht, die durch die Neuordnung von Informationen erreicht wird. Das Neuordnen ist die Grundlage des lateralen Denkens, und Neuordnen bedeutet Flucht aus starren Mustern, die durch Erfahrung entstanden sind. Der Prozess des Neuordnens ist in das Konzept der (erneuten) Lockerung integriert. Die Lockerung ist ein Neuordnungsgerät. Es ist das Mittel, mit dem man aus etablierten Mustern ausbricht und neue schafft. Lockerung ermöglicht die Anordnung von Informationen auf neue Weise, aus denen neue Muster entstehen können. Das Konzept der Lockerung kristallisiert sich zu einem eindeutigen Sprachwerkzeug heraus. Dieses Sprachwerkzeug ist PO. Sobald man die Funktion und den Gebrauch von PO erlernt hat, hat man gelernt, wie man laterales Denken einsetzen kann.





Kopie
Maler wie Zheng Xie streben in zweierlei Hinsicht danach, der Natur nachzueifern. Sie produzieren große, nahezu unbegrenzte Mengen an Werken und werden dazu durch Modulsysteme von Kompositionen, Motiven und Pinselstrichen befähigt. Sie verleihen aber auch jedem einzelnen Werk eine eigene, einzigartige und unnachahmliche Form, wie es die Natur mit ihren ungeheuren Formerfindungen tut. Eine lebenslange Schulung des ästhetischen Empfindens ermöglicht es dem Künstler, sich der Kraft der Natur anzunähern. 

Byung-Chul Han, Shanzai, Dekonstruktion auf Chinesisch,
Merve Verlag Berlin, 2011, Seite 73

Vielfalt
Vielfalt zu befürworten und zu leben bedeutet, Menschen zu respektieren und wertzuschätzen, die sich hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Gesundheit, sexueller Orientierung, Bildung und nationaler Herkunft unterscheiden. Vielfalt bedeutet, dass diese Unterschiede sich in einer sicheren, positiven und nährenden Umgebung entfalten können.
 
Jeder Einzelne in einer Organisation bringt eine Vielfalt an Perspektiven, Arbeits- und Lebenserfahrungen sowie religiöse und kulturelle Unterschiede mit. Die Kraft der Vielfalt kann nur dann freigesetzt und ihre Vorteile genutzt werden, wenn wir Andersartigkeiten anerkennen und lernen, jeden Einzelnen mit seinem Hintergrund als einen wertvollen Bestandteil der Gemeinschaft zu betrachten.

China und die Gedanken der Aufklärung

Für viele Europäer ist China ein Land, das auch mit den aufklärerischen Ideen belehrt und beglückt werden sollte. Das sieht man an der aktuellen Chinakritik aus dem Westen, die ich, da ich kein Elfenbeinturm-Bewohner bin, mit Spannung verfolgt habe. Dabei habe ich folgende Merkwürdigkeiten beobachtet: Erstens vermehrt und verschärft sich die Chinakritik in dem Maße, wie sich China nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer und zivilisatorischer Hinsicht entwickelt, und die Härte und die Intensität solcher Kritik kann ein dünnhäutiges Volk wie die Chinesen tatsächlich schlecht verkraften. Zweitens: Je mehr wir Chinesen ins kapitalistische Weltsystem integriert sind, je mehr wir uns dem Westen annähern, desto deutlicher und demonstrativer geht der Westler auf politische und moralische Distanz zu uns. Das ist uns sehr peinlich, und wir sind ratlos und verlegen. Drittens: Die meisten Chinakritiker pflegen von jener hohen geistigen Warte, die offenbar erst durch die europäische Aufklärungsbewegung möglich geworden ist, China zu sehen und zu beurteilen und reden häufig so über China, als ob das Reich der Mitte noch nie von der Sonne der Aufklärung beschienen worden wäre. Das erscheint mir am fragwürdigsten. Denn Manches spricht dafür, dass die Sonne der Aufklärung auch im Morgenland aufgegangen ist. Das wissen in Deutschland auch einige Philosophen und Sinologen. Herr Schmidt-Glintzer und Herr Mittag zum Beispiel haben zusammen einen Aufsatz verfasst, der wie folgt anfängt: „Über Aufklärung sprechen heißt über China reden; denn die europäische Aufklärung ist ohne China undenkbar.“ Wie schön wäre es, wenn dieser Satz von seiner geistigen Exklusivität befreit werden könnte!

Auszug aus der Rede, die Prof. Dr. Huang Liaoyu (黄燎宇), Leiter der Germanistik an der Peking-Universität, im November 2009 in Tübingen hielt. Anlass war das Symposium Aufklärung für die Zukunft - ein deutsch-chinesischer Dialog über Kant und die deutsche Philosophie der Gegenwart, veranstaltet von Prof. Dr. Dr.es h.c. Otfried Höffe (Institut für Philosophie) und Prof. Dr. Achim Mittag (Asien-Orient-Institut), Universität Tübingen. Copyright: Goethe-Institut China, April 2011
Die Banalität des Guten
1. Dass die Mauern unserer Städte mit Bildern und Zeichnungen von Dingen tapeziert werden, geschieht niemals aus rein dekorativen Gründen: Die Symbolik einer jeden Stadt, auch die der Werbung, ist niemals ein bloß ästhetisches Phänomen. Die Gesamtheit der Symbole und Embleme, das sich auf den Steinen ablagert oder ihnen Form verleiht, entspricht demselben Bedürfnis, das auch zur Hervorbringung von Verkehrsschildern geführt hat. Wir benötigen Zeichen und Symbole, weil unsere Existenz in der Stadt nur durch diese ermöglicht wird. ……….. Der letzte Grund der Existenz dieser „zweiten Haut“ ist der Folgende: Es handelt sich dabei nicht um die äußerliche Hülle oder äußerliche Erscheinung der Stadt, sondern um den Körper eines öffentlichen Wissens im eigentlichen Sinne. …….. Im Grunde verfügt jede Stadt, …….., über ein autochtones Wissen, eine Art indigene Soziologie und Anthropologie, das all ihren Bewohnern zur Verfügung steht und sich in tausenden von Formen auf der Haut der Stadt ablagert.

Emanuele Coccia, Das Gute der Dinge, Werbung als moralischer Diskurs, Die Banalität des Guten, Seiten 41, 42; Merve Verlag, 2017, Berlin